Das Internet: Das Ende der Lügen?

Auf einem Diskussionsforum über die Digitalisierung lautete die Frage: „Würden Sie Ihre Daten und Fotos auch Facebook geben, wenn es die Stasi immer noch gäbe?“ Ich antwortete, unser Verständnis der Privatsphäre werde sich künftig drastisch wandeln. Das Internet wird nämlich vieles ändern. Doch bei dem Privatleben ist Schluss, damit spaßt man nicht in Deutschland. Leider denkt man noch nicht genug über die möglichen Konsequenzen dieser Haltung nach.

Die öffentliche Meinung sieht düstere Seiten, Intrigen und Männer in unauffälligen Kleidungen, die jede unserer Bewegungen verfolgen, notieren und abhören. Mit „all diesen Daten“ könnte der Staat ganz schlimme Sachen machen. Eine deutsche Bundesministerin erklärt, dass man ja nie wisse, was Behörden und Politik irgendwann mit den Daten anstellen würden. Freizeit- und Einkaufsgewohnheiten, Gesundheitsprobleme: Wo bleibt eigentlich die Intimsphäre? Wo führt das hin, wenn jeder von jedem alles weiß?

Ja, wo führt das hin? Diese Frage sollte man sich vielleicht einmal im Ernst stellen. Gerade die Deutschen wollen möglichst privat sein. Das Bekanntgeben von persönlichen Angelegenheiten ist ihnen peinlich. Das macht man einfach nicht, haben sie von ihren Eltern gelernt. Und aus der Geschichte. Den ganzen Tag lang setzen sie eine Maske auf und spielen Mutter, Angestellte, Student, Busfahrerin, Passant oder Politiker. Mit dem eigenen, eigentlichen Gesicht belästigt man Umwelt und Mitmenschen nicht. Aber am Abend wird Deutschland privat! Das Haus ist zugesperrt, und alles ist ganz anders.

Der wirkliche Mensch zeigt sein wahres Gesicht in der abgeschotteten Privatsphäre. Hier ist man endlich unbeobachtet, ganz bei sich selbst. Keine kritischen Blicke mehr von Chefs, Ärzten, Finanzämtern, Schülern, Arbeitskolleginnen, Behörden, Google, Facebook. Nur der Fernseher läuft. Jetzt kann man für ein paar private Stunden die wertvollen Dinge tun, die keiner sehen und hören muss. Und man verhält sich mal so richtig locker, wie es in Deutschland offenbar nur geht, wenn man wirklich privat ist.

Was haben wir eigentlich davon, wenn niemand unser wahres, privates Gesicht sieht? Was bringt es, wenn wir unsere Sorgen, Einkünfte, Interessen, Krankheiten, Probleme, Fotos und Daten für uns behalten? Wäre es wirklich so schlimm, wenn wir ein öffentliches Leben führten? Jetzt könnte man kurz die beliebtesten Kritiken an mehr Transparenz und Öffentlichkeit zitieren: „Was passiert, wenn ich krank bin? Ich werde keinen Job bekommen.“ „Was ist, wenn Arbeitgeber schlimme Fotos von mir im Netz entdecken?“ „Was ist, wenn das Finanzamt erfährt, wofür ich alles Geld ausgebe?“

Unser Leben ist offenbar ein Versteckspiel. Wir akzeptieren lieber, dass kranke Menschen lügen müssen, um einen Job zu bekommen, und anschließend vielleicht ihren Arbeitgeber ruinieren, weil sie nicht arbeiten können. Ist das wirklich die Lösung eines gesellschaftlichen Problems? Kopf in den Sand? Wer alles verheimlicht, bekommt den besten Job oder zahlt weniger Steuern. Soll das wirklich die Grundlage für unser Zusammenleben sein? Wer am besten lügt und sich versteckt, hat gewonnen?

Das Gegenteil sollte der Fall sein. Was wir brauchen, ist viel mehr Mut zur Transparenz. Das Ende der Lügen. Nur wenn unsere Gesellschaft transparenter wird, können wir konkreter und seriöser an unseren Problemen arbeiten, und sie vielleicht sogar lösen. Wer Mut zu mehr Öffentlichkeit hat, wird reich belohnt. Mit Lösungen für Probleme aller Art, mit Aufmerksamkeit, Unterstützung, Erkenntnisgewinn, Ideenaustausch, fruchtbaren Diskussionen und völlig neuen Erfahrungen von der weltweiten Gemeinschaft. Wer kein Facebook-Profil hat, verpasst eine neue, intelligente Art der Kommunikation. Wer nicht in das komplexe System von Twitter hineinhört, verschließt seine Ohren vor der Wirklichkeit.

Doch diese Transparenz birgt auch Gefahren. Wir sollten unter allen Umständen vermeiden, dass jemals ein Staat entsteht, der mit unseren Daten ein Unterdrückungssystem aufbaut. Wir müssen dafür sorgen, dass auch kranke Menschen Chancen auf einen Job haben. Es darf keine neue Stasi geben. Es darf keinen Missbrauch geben. Und auch für Amazon, Apple, Google und Facebook gilt selbstverständlich das Prinzip der Transparenz. Wir wollen wissen, was mit unseren Daten geschieht. Aber wir verhindern einen Missbrauch nicht, indem wir uns in die private Sicherheitszone zurückziehen. Im Gegenteil. Das macht uns zu leichten Opfern.

Nach einem Artikel von Frank SCHMIECHEN

Die Welt, 26. Oktober 2012

I. VERSION (sur 20 points)

Traduire le titre et les paragraphes 1 et 2, depuis : “Auf einem Diskussionsforum über die Digitalisierung
lautete die Frage …” jusqu’à : “… Wo führt das hin, wenn jeder von jedem alles weiß?”

II. QUESTIONS (sur 40 points)

1. Question de compréhension du texte

Was bedeutet die Privatsphäre für die Deutschen?

(100 mots + ou – 10% * ; sur 10 points)

2. Question de compréhension du texte

Mit welchen Argumenten plädiert der Journalist für mehr Transparenz im Internet?

(100 mots + ou – 10% * ; sur 10 points)

3. Question d’expression personnelle

„Wer kein Facebook-Profil hat, verpasst eine neue, intelligente Art der Kommunikation…“ Sind Sie persönlich mit dieser Behauptung einverstanden?

(300 mots + ou – 10% * ; sur 20 points)

* Le non-respect de ces normes sera sanctionné. (Indiquer le nombre de mots sur la copie après chaque question.)

III. THÈME (sur 20 points)

“Vous êtes les enfants d’un grand peuple !”

Pour les Allemands, 1962 reste l’année du général de Gaulle. Le neuf septembre, l’ancien officier français qui avait combattu l’Allemagne dans les deux guerres mondiales, s’adresse à la jeunesse allemande, un discours considéré comme l’acte fondateur de la réconciliation franco-allemande.

Du quatre au neuf septembre 1962, le président français parcourt toute l’Allemagne, prononçant une dizaine de discours, dont six en allemand, pour promouvoir le rapprochement des deux pays.

Dix-sept ans après la capitulation du régime nazi, l’Allemagne est encore tourmentée par le sentiment de culpabilité de l’holocauste, par sa défaite et sa division symbolisée par la construction du Mur de Berlin en 1961.

De Gaulle ne se serait pas adressé à plus de sept mille personnes en allemand sans une parfaite maîtrise de la langue de Goethe. Cette langue était obligatoire à Saint-Cyr et il l’avait perfectionnée lorsqu’il était prisonnier pendant la Première Guerre mondiale.

D’après un article de Patrick SAINT-PAUL

« Le Figaro », 23.09.2012 *

* (Ces références ne sont pas à traduire.)